„Wird jetzt alles anders?“ Moderation des Change-Prozesses in Hiddenhausen
Wenn Institutionen oder Vereine vor großen Veränderungen stehen, taucht diese Frage fast automatisch auf. Ein Umzug, die Öffnung für neue Zielgruppen, veränderte Rahmenbedingungen oder der Schritt zu einem Dritten Ort können das Gefühl erzeugen, Vertrautes hinter sich lassen zu müssen. Doch erfolgreiche Veränderungsprozesse sollten nicht mit der Frage starten, was neu werden muss, sondern reflektieren und wertschätzen, was bleiben soll und darf.
Darum ging es in einem Workshop für die Kulturwerkstatt Hiddenhausen. Ausgangspunkt war die bevorstehende Transformation: Nach 26 Jahren Vereinsgeschichte bezieht die „KuWeHi“ ab 2028 mit dem Hof Lindemann einen neuen, größeren Standort und baut dort einen Dritten Ort auf.
Veränderung braucht Orientierung
Wer in solch einem Veränderungsprozess ausschließlich über neue Strukturen, neue Aufgaben oder neue Angebote spricht, riskiert bei den beteiligten Teams Verunsicherung, Skepsis und teils offene Ablehnung. Die systemische Organisationsentwicklung beachtet: Menschen gestalten Veränderungen erfolgreicher, wenn sie verstehen, worauf sie aufbauen können. Identität entsteht aus gemeinsamen Erfahrungen, Werten und Haltungen – und ändert sich nicht über Nacht.
Deshalb stand zum Workshop-Start die Geschichte des Vereins im Mittelpunkt. Auf einer gemeinsamen Zeitreise blickten die Teilnehmenden auf fast drei Jahrzehnte Kulturarbeit zurück: Welche Meilensteine haben uns geprägt? Worauf sind wir stolz? Welche Geschichten erzählen am besten, wer wir sind?
Auch hier zeigte sich, dass die eigentlichen Stärken einer Organisation nicht in Projekten oder Angeboten liegen, sondern in tieferliegenden Haltungen wie Offenheit, Experimentierfreude, Gemeinschaftssinn oder Engagement. Und genau diese kulturellen Grundlagen geben Orientierung, wenn sich äußere Bedingungen verändern.
Was kommt mit in den Umzugskarton?
Reflektiert wurde also, welche Überzeugungen, Arbeitsweisen und Traditionen unbedingt den Umzug an den neuen Standort überstehen sollen, aber auch, welche ggf. losgelassen bzw. aussortiert werden dürfen. Aus Sicht des Change-Managements ist diese Perspektive besonders wertvoll, denn Veränderung bedeutet auch bewusste Entscheidungen darüber, was künftig weniger wichtig sein wird. Erst wenn Menschen diese Fragen gemeinsam diskutieren und beantworten, entsteht echte Akzeptanz für den Wandel.
Durch die gemeinsame Priorisierung wurden die wichtigsten Kernwerte sichtbar. Sie bilden künftig das Fundament für die Weiterentwicklung der Kulturwerkstatt und ihres neuen Standorts.
Von der alten Struktur zum Dritten Ort
Zugleich stellt sich die strategische Frage: Welche Rolle soll der neue Ort für Nutzer:innen und Besucher:innen spielen? Dazu richtete das Team seinen Blick nach vorn und diskutierten Chancen, die sich durch den neuen Standort eröffnen. Es beschäftigte sich mit den Bedürfnissen der Menschen, die der zukünftige Dritte Ort bieten kann (und soll). Dabei ging es weniger um konkrete Veranstaltungen oder Angebote, sondern darum, was Menschen dort finden und erleben könnten; etwa Begegnung, Zugehörigkeit, Beteiligung, Inspiration oder Raum für eigenes Engagement.
Hier berühren sich Themen der Organisationsentwicklung und die Qualität eines Dritten Ortes unmittelbar. Letztere entsteht nicht allein durch räumliche Infrastruktur oder kulturelle Angebote, sondern wesentlich durch die gelebte Kultur seiner Trägerorganisation. Grundwerte, Haltungen und Selbstverständnis prägen, wie Beteiligung ermöglicht, Entscheidungen getroffen und Gemeinschaft gestaltet werden. Die Reflexion der eigenen Betriebskultur ist deshalb ein zentraler Schritt auf dem Weg zu einem tragfähigen und identitätsstiftenden Dritten Ort.
Ein Leitbild für die Zukunft entwickeln
Aus den identifizierten Kernwerten und den Zukunftsbildern entstanden schließlich erste Bausteine für ein gemeinsames Leitbild. Ausgangsfragen waren: Wer wollen wir sein? Woran glauben wir? Was schaffen wir für andere? Und was wollen wir bewirken?
Der Workshop half dem KuWeHi-Team, in Zeiten des Wandels Klarheit über seine Rolle, Kultur und Zukunftsrichtung zu gewinnen. Er zeigt exemplarisch, worum es bei guter Kulturberatung im Veränderungsprozess geht: Nicht zwischen Tradition und Zukunft zu wählen, sondern beides miteinander zu verbinden. Denn die entscheidende Antwort auf die Frage „Müssen wir jetzt alles anders machen?“ lautet meist: Nein, aber wir sollten wissen, was uns ausmacht, damit wir bewusst entscheiden können, was wir weitertragen und was neu entstehen darf.
Foto: pro loco